10 Ideen für den FC Schalke 04

Meckern und enttäuscht sein können wir auf Schalke gut. Wenn wir nicht aufgeben wollen, wenn wir stattdessen mutig sein wollen, müssen Ideen diskutiert werden. Ich habe die letzten Wochen lange nachgedacht und mit vielen Leuten gesprochen. Am Ergebnis möchte euch teilhaben lassen.

tl:dr;

#1 Schalke 04 als Gefühl verstehen
#2 Erik Stoffelshaus als Nachfolger für Jochen Schneider.
#3 Benedikt Höwedes zum Teammanager machen.
#4 Aufsichtsrat schnell neu wählen
#5 Strategie vorlegen
#6 Systematischen Austausch fördern
#7 Vorstandssprecher – einer für die Kameras
#8 Marketing + Kommunikation
#9 Eine Eingliederung als Genossenschaft diskutieren
#10 FC Schalke 04 – Wir lieben dich.

#1 Schalke 04 als Gefühl verstehen

Schalke 04 ist nicht nur ein Fußball-Club sondern für viele rund um Gelsenkirchen vor allem ein Gefühl. Gemeinschaft und Gemeinsamkeit zeichnen dieses Gefühl aus. Für die allermeisten Schalker:innen war es ein besonderer Moment, als ihnen gezeigt wurde, dass im S04-Logo ein G für Gelsenkirchen versteckt ist. Dieses G könnte auch für Gemeinschaft stehen. Jede:r von uns kennt den Moment, an einem fußball-fremden Ort auf eine:n Schalker:in zu treffen. Es wird sofort geduzt und meistens ist ein kaltes Bier auch nicht weit. So sind schon tausend Freundschaften unter tausend Freund:innen entstanden. 

Jetzt gerade fühlt es sich oft nicht nach einer tollen Gemeinschaft an. Von einem großen sportlichen Erfolg, der alle zusammenschweißt, lässt sich auch nur träumen. Ein erfolgreicher Klassenerhalt könnte so eine Verbindung schaffen und die Erinnerungen daran, wie wir uns schon im Parkstadion zusammen die Ärsche abgefroren haben, egal wo der Verein gerade stand. Das macht diesen Club besonders! Aus diesem Gefühl heraus müssen wir nach vorne gucken und voraus planen.

#2 Erik Stoffelshaus als Nachfolger für Jochen Schneider.

Erik Stoffelshaus war Sportdirektor bei Lokomotive Moskau, spielte dort mit Farfán und Benedikt Höwedes in der Champions League. Er hat eine königsblaue Management-Vergangenheit und arbeitete bei Lok mit Bodo Menze und Oliver Ruhnert zusammen. Der widerum macht heute Union Berlin zum wahren BigZittyClub und fit für die Zukunft mit eigener unverwechselbarer Identität, die Union Berlin ähnlich wie den FC Schalke 04 ausmacht. Stoffelshaus kennt also nicht nur den Verein, er hat auch schon erfolgreich gearbeitet.

Mehr Informationen über Erik Stoffelshaus auf Wikipedia

#3 Benedikt Höwedes zum Teammanager machen.

Benedikt Höwedes hat 16 Jahre für den FC Schalke 04 gespielt und dabei über 200 Bundesligaspiele gemacht. Er war Kapitän der Mannschaft von 2011 bis kurz vor seinem Wechsel zu Juventus Turin, deren Meisterschaft er mit einem Tor begünstigte. Mit Schalke 04 gewann er in seinem ersten Finale als Kapitän den Supercup, zuvor den DFB-Pokal und ist 2014 in Brasilien mit Deutschland Weltmeister geworden. Neben Torwart Manuel Neuer und Kapitän Philipp Lahm war er der einzige Spieler, der alle sieben Begegnungen beim Turnier über 90 Minuten gespielt hat. Ich habe mit Benni gesprochen und er kann sich alles außer Spieler und Trainer vorstellen, nachdem er erst vor einem halben Jahr seine Karriere beendet hat. Er versteht Schalke wie kaum ein anderer und könnte mit seiner Erfahrung auf das Team einwirken.

Mehr Informationen über Benedikt Höwedes auf Wikipedia

#4 Aufsichtsrat wählen und damit wieder legitimieren

Dr. Jens Buchta ist aktuell der Aufsichtsratsvorsitzende. Was ich an ihm schätze ist, dass er keinen Drang verspürt, mehr in die Öffentlichkeit zu gehen als zwingend notwendig ist. Was ich nicht an ihm schätze ist, dass er keine Entscheidungen treffen kann. Außerdem ist er niemals auf einer Mitgliederversammlung gewählt worden. Herr Dr. Jens Buchta gilt – wie auch Peter Lange – als Tönnies-Vertrauter. Darüber hinaus gibt es drei kooptierte Mitglieder: Ulrich Köllmann als Geschäftsführer der Stadtwerke Gelsenkirchen, der 50% der Veltins-Arena gehören, Matthias Warnig vom Hauptsponsor Gazprom, sowie Dirk Metz als Kommunikations-Fachmann, den Tönnies im Gremium haben wollte, um die Außendarstellung des Aufsichtsrates zu verbessern. Das hat nicht so geklappt.

Gewählt und von der Mitgliederversammlung entsandt sind von elf Aufsichtsratsmitgliedern aktuell einzig Huub Stevens, Moritz Dörnemann, Prof. Dr. Stefan Gesenhues und der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Peter Lange, der es in keinen Ausschuss geschafft hat.

Matthias Rüter und Ingolf Müller sind nachgerückt, weil Clemens Tönnies und Uwe Kemmer das Gremium verlassen haben. Die Mitgliederversammlung hat nur 4 von 11 Plätzen demokratisch durch die Mitglieder legitimiert. Das sollten wir schnellstens ändern.

#5 Strategie

Seit Jahren krankt der Verein daran, dass es keine mittel- oder langfristige Strategie gibt. Erfolg wird am wöchentlichen Tabellenplatz festgemacht. Dadurch lassen sich auch die häufigen Wechsel von Trainern und Vorständen erklären – Fußball hat zumindest kurzfristig auch etwas mit Glück zu tun. Um nachhaltig erfolgreich zu sein müssen eine Strategie und klare Ziele definiert werden.

Bereits 2016 gab es einen von 50 Mitgliedern des FC Schalke 04 unterzeichneten Antrag unter dem Leitspruch “Vorwärts Schalke”. Der Aufsichtsrat hat diesen – wie so viele sinnvolle Anträge – abgelehnt. Es ist wichtig für Schalke 04 eine klar kommunizierbare Strategie zu entwickeln, nach welcher der Verein ausgerichtet wird. Die müssen die Vorstände des Vereins vorlegen und die Mitglieder müssen hierbei mitgenommen werden. 

Bisher ist kein sauberes, nachhaltiges Scouting implementiert worden. Welche Spieler wann und wie abgeben werden oder in den Profikader aufgenommen werden wirkt beliebig. Das führt zu unnötigen Transfers und zu einer ungenügenden Nutzung der Knappenschmiede. Wie sehr das die Mannschaft ausblutet, lässt sich an dieser Saison erkennen, die wir mit der Niederlage gegen Köln wohl als Absteiger beenden werden.

Den Antrag von 2016 gibt es nochmal hier zu sehen.

#6 Systematischen Austausch fördern

Schalker:innen sind viele und darum gibt es auch viele Meinungen. Manche Meinungen sind nur Gefühle, manche basieren auf Fakten. Ich wünsche mir einen systematischen Austausch. Als Bottroper Junge bin ich inzwischen so vernetzt, dass ich mit vielen sehr unterschiedlichen Menschen aus der Fußballwelt sprechen kann, sei es aus dem Management, der Spielerberatung oder der Fanszene. Ich kann mich mit diesen Leuten sogar streiten und in den meisten Fällen wieder vertragen. Dabei kommen fast immer gute Ideen zur Sprache, andere haben diese Möglichkeiten nicht. 

Denn diese Ideen können bisher an keiner Stelle systematisch im Verein platziert werden. Ich wünsche mir einen großen Tisch ohne machtpolitisches Kalkül an jeder Ecke. Es geht einzig um den FC Schalke 04, wo alle ihre Talente und Fähigkeiten konstruktiv einbringen können sollten. Das geht im Moment aber nicht. Es gibt keine Eingangstore für gute Ideen.

#7 Vorstandssprecher – einer für die Kameras

Im Krisenmodus braucht es einen Menschen, der sagen kann DA LANG und einschätzen kann, wann es nach außen eine:n Anführer:in braucht und wann vor allem besonnene Teamarbeit im Hintergrund. Eine Person, die sich damit wohl fühlt, das Gesicht der gemeinsam getroffenen Entscheidungen zu sein, aber nicht um jeden Preis ins Rampenlicht drängt. Eben einen 1. Vorsitz für die Vorstandsmitglieder – diese Position hat es seit Rudi Assauer nicht mehr gegeben. Dabei ist diese Position extrem wichtig, wenn es darum geht die oben schon angesprochene Strategie zu entwickeln, weil sie es zulassen wird. So funktioniert modernes Management im einundzwanzigsten Jahrhundert.

#8 Kommunikation und Marketing

Der Verein steckt in der größten Krise seiner Geschichte. Jahrelange Misswirtschaft, Transfer-Exzesse und nicht nur die Corona Krise haben ihn in eine existenz-bedrohliche Situation gebracht. Gerade in Krisensituation ist gute und konsistente Kommunikation überlebenswichtig. Klare Werte und Ziele, offene und transparente Kommunikation, umso Hoffnung und Vertrauen aufzubauen und die Grundlage für den Aufstieg aus der Asche zu legen.

Darüber hinaus schafft werteorientiertes Marketing einen echten Mehrwert,. Wer seine Wurzeln kennt, kann transparent und offen kommunizieren und Umsätze erwirtschaften, von denen andere nur Träumen können. Im Moment bedeutet Marketing auf Schalke einzig und allein “Erlöse erzielen um jeden Preis”. Der Rubel muss aber eben nicht nur rollen, sondern auch zu Schalke 04 passen. Das Trikot könnte z.B. das günstigste der Liga sein, wenn man denn nur wollen würde.

Es sind die, die Schalke wirklich leben, die in den letzten Jahren besonders vor den Kopf gestoßen wurden. Das geht besser! Neues Vertrauen kann nur noch in unverbrauchten Personen aufgebaut werden, um die scheinbar widersprüchlichen Ziele wieder unter einer Gesamtausrichtung zu vereinen.

#9 Eine Eingliederung als Genossenschaft diskutieren

„Was einer alleine nicht schafft, schaffen viele“ hat Friedrich Wilhelm Raiffeisen, einer der Gründer der Genossenschaftsbanken, gesagt. Es gibt unterschiedliche Ausgliederungsmodelle und bei allen blutet einem als Schalker:in das Herz. Nur bei einer nicht: der Genossenschaft. Es ist nach meiner Meinung nach das beste Modell für Schalke 04 und vielmehr als Eingliederung statt Ausgliederung zu verstehen.

Wer mehr über die Schmerzen einer Ausgliederung erfahren und etwas über Genossenschaften verstehen möchte, dem empfehle ich die Podcast-Episode Blauer.Salon/49 wo Florian Neumann darüber berichtet hat, wie der Ausgliederungsprozess beim Hamburger SV ablief, an dessen Ende er dem HSV den Rücken kehrte. Außerdem spricht Günter Althaus als ehemaliger Präsident des deutschen Genossenschaft- und Raiffeisenverbandes mit mir darüber, was eine Genossenschaft eigentlich kann und ist.

Ein Begleitkommentar zur Episode habe ich Mitte November auf Sport1.de veröffentlichen dürfen.

#10 FC Schalke 04 lieben.

Tun wir Alle sowieso, kriegen wir auch nicht mehr los, egal in welcher Liga wir spielen werden. FC Schalke 04 – Wir lieben dich.

Was hast Du für Ideen? Wie können wir Schalke 04 besser machen und für die Zukunft aufstellen, ohne uns von einer einzigen Person abhängig zu machen?

Türkiye Futbol Federasyonu

Vorweg: ich habe keine Ahnung von dem, was ich hier schreibe. Aber ich tue es trotzdem. Mein Vater ist Türke und wir waren mal auf Schalke.

„Der Fußball-Text des Jahres“, sagte mir Alex Feuerherdt. Das war im Januar 2018. Dieser Satz von Alex hat mir viel bedeutet. Den Grund versteht ihr vielleicht, wenn ihr euch den Podcast mit uns beiden auf frontaldialoge.de anhört.

Meine „türkische“ Halbschwester hat einen deutschen Pass. Mein türkischer Halbbruder ist jetzt verheiratet und endlich von zu Hause ausgezogen. Er erzählt viel von Allah, ich höre nicht zu. Mir ist Allah scheißegal. Was jetzt kommt, soll um Verständnis werben.

Ich bin katholisch sozialisiert worden und das Konzept von Nationalstaaten ist mir seit jeher suspekt. Unter den Top 10 der schönsten Choreos, an denen ich einen Finger dran hatte, ist diese hier:

Türkische Kultur ist anders. Sie ist ganz anders als unsere und ich hab sie nicht kapiert. Türken fahren total schnell aus der Haut. Sie sind sehr, sehr, sehr schnell auf 180. Dafür dann auch wieder sehr schnell auf Normal-Null.

Während wir Deutschen nie wieder einzufangen sind, wenn wir erstmal explodieren. Ich mag die Türken da lieber, auch wenn ich in solchen Situationen immer das Gefühl habe, gleich geschächtet zu werden.

Die Türkei ist ein autoritärer Staat. Junge Männer werden zum Militär eingezogen. Nicht Bundeswehr. M I L I T Ä R. Ich habe schon sehr viele unglückliche Augen vor einer türkischen Fahne in einer Uniform gesehen.

Ich halte Recep Tayyip Erdoğan für einen schlimmen Diktator und den Putschversuch von 2016 für einen „Inside Job“. Aber das ist Aluhut-Geschwafel. Ich weiß es nicht. Ich hab mir nur Fragen gestellt, auf die ich keine Antworten habe. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass mir kein Aluhut steht.

Türkische Kultur ist hierarchisch. Der Vater ist der König. Der Vater von meinem Vater ist kürzlich gestorben. Ich hab meinen Opa nur einmal getroffen. Er hat mir dabei so feste in die Backe gekniffen, dass es heute noch wehtut, wenn ich nur daran denke. (In Wahrheit haben die Frauen zu Hause das Sagen. Aber das kennt ihr sicherlich. Wie überall gilt: happy wife, happy life.)

Je öfter die Türken zukneifen, umso lieber haben sie dich. Hab ich später verstanden. Mein Opa mochte mich und das ist ein starkes Zeichen. Ich bin schließlich der Deutschländer.

Ok, die Türkei fährt also gerade einen Angriffskrieg und ich möchte es jetzt nicht politisch machen. Chef im türkischen Fußball-Verband kannst du in diesem autoritären Staat leider nur dann werden, wenn du den über dir zu deinem Freund machst. Kurz gesagt: du spielst für Erdogan oder du spielst gar nicht.

Die Türkei benötigt gerade Bilder. Geschlossenheit muss demonstriert werden. Alle zusammen. Wir befinden uns im Krieg. Nichts auf der Welt versammelt so viele Menschen, wie der Fußball. Das ist die Ursache, weshalb du das hier gerade liest.

Mohammed war ein Prophet / Der vom Fußballspielen nichts versteht

Vereinslied FC Schalke 04 e.V.

Ein autoritärer Staat mit einem Präsidenten, der türkische und deutsche Journalisten einsperrt. Ein Fußball-Verband, der komplett auf Regierungskurs fährt. Und ein Spieler, der Ozan Kabak heißt, keine 20 Jahre alt ist und ein Lächeln an den Tag legt, das einfach jedem klarmachen muss, dass das kein Arschloch sein kann.

Von diesen Spielern wird jetzt dieses Foto verlangt. Ozan kann nix. Ozan kann Fußball spielen. Er kann nicht mal Deutsch. Ozan ist ein Spieler des FC Schalke 04. Und wenn er diesen Verein verlässt, soll er ein besserer Mensch sein. Dass er dann ein besserer Fußballspieler ist, wird sich eh nicht vermeiden lassen. Dafür hat er zu viel Talent.

Aber, aber Kaan Ayhan???

Kaan Ayhan ist Schalker. Durch und durch. Er wohnt in Gelsenkirchen und spielt in Düsseldorf. Düsseldorf kann für mich alles und Gelsenkirchen gar nix. An seiner Stelle wäre ich schon längst nach Düsseldorf gezogen. Ist er aber nicht.

Ich hab noch nie einen Spieler des FC Schalke 04 von der Seite angelabert. Weil für mich bedeutungslose Gespräche einfach bedeutungslos sind. Der interessiert sich nicht für mich, warum sollte ich mich für ihn interessieren?

Das ist auch der Grund, warum ich kein Fan des FC Schalke 04 bin. Fan ist mir zu passiv, zu hörig. „Leidenschaftlicher Anhänger“ hab ich letztens gehört. Das ist auch noch nicht perfekt. Geht aber in die richtige Richtung.

Außer Kaan. Der saß nach seiner Ausleihe nach Frankfurt bei einer Mitgliederversammlung am äußersten Rand der Sitzreihe, wo die Spieler am Anfang einer jeden Versammlung so krampfhaft Interesse simulieren.

Ich musste zu ihm hingehen und ihm sagen: „Ey, ich bin auch Kanacke und ich bin froh, dass du wieder hier bist!“

Und dann kam etwas, was an Ehrlichkeit nicht zu überbieten ist:

„Ja, ich auch, ey“, antwortete er mit einem Lächeln. Das war so dermaßen echt.

Kaan ist einfach viel reifer. Für ihn ginge das Leben auch ohne Nationalmannschaft weiter. Wenn er das Gefühl gehabt hätte, beim DFB erfolgreicher Fußball spielen zu können – ich bin mir nicht sicher, ob er dann das Trikot mit Halbmond und Stern angezogen hätte.

Wat willst du jetzt eigentlich sagen?

Lasst den Jungen in Ruhe! Er hat alles richtig gemacht. Leider. Ozan ist ein Bruder (so sind wir „Türken“) von mir und wer meinen Bruder anpinkelt, bekommt es mit mir zu tun. Inhaltlich wird sich das schon regeln.

Danke an @stadioncheck fürs Korrektur lesen.

Mit Papa auf Schalke

Die halbe Woche war Aufregung: Wo sitzen wir? Wann fahren wir los? Wie kommen wir dorthin? Was ich schon hundertfach irgendwie gehört oder gelesen habe, wie es ist, zum ersten Mal mit dem Kleinen ins Stadion zu gehen. Das habe ich nun auch endlich erfahren.

Seit genau 20 Jahren habe ich eine Dauerkarte auf Schalke. Mit 14 meine Erste vom hart ersparten Taschengeld finanziert. Schalke war immer ein Teil von mir und wird es immer bleiben.

Der Kleine ist 53 Jahre alt und mein Papa. Er kam mit 16 Jahren nach Deutschland. Knappe 9 Monate Deutschkurs Anfang der 80er Jahre sollten genug Integration sein.

Er wollte nie hier bleiben. 10.000 Mark verdienen und dann zurück, um sich eine selbständige Existenz aufbauen zu können. Irgendwo im Norden der Türkei am Schwarzen Meer. Die 10.000 Mark schreiben gerade diesen Artikel.

Als ich auf die Welt gespuckt wurde, war meine Mutter 17 und mein Vater 19. Alles an diesem Setup war falsch, aber das habe ich erst viele Jahre später verstanden. Papa ist ein Wort was ich mehr als 30 Jahre nicht benutzen konnte, weil ich es nicht wollte. Es ging nicht. Andere hatten Papas mit Werkbänken. Ich hatte eine permanent überforderte Mutter, die nicht viel gemacht hat, außer mich alleine zu lassen.

Mein Papa ging “auf Zeche”. Eine Ausbildung als Metallverarbeiter hat er mit 12 Jahren in der Türkei angefangen und abgeschlossen. Als er unter Tage ging sollte er Dreck von A nach B schüppen. Ein richtiger Scheißjob. Obwohl er seine Ausbildungszeit auf “Prosper in Bottrop” maximal verkürzte. Er konnte doch schon alles. Schweißen, Feilen etc. pp.

Er fing an zu heulen. Das sah zufällig der Reviersteiger, was er erst deutlich später verstanden hat, wer sich da gerade um ihn kümmerte. Ein Glücksfall. Dieser guckte sich die Unterlagen von ihm an und verstand schnell, dass dieser Junge nicht mit der Schüppe die Scheiße von A nach B schüppen konnte. Er wartete dann 10 Jahre lang die großen Maschinen, deren Namen ich nicht kenne.

Nach zwei Jahren litt er unter Rheuma. In seiner Reha schrieb der behandelnde Arzt, dass er nicht mehr Unter Tage arbeiten dürfe. Da hat er noch 8 Jahre weiter unter Tage gearbeitet. “Aufm Pütt” hat es keinen interessiert, was irgendein Arzt irgendwohin schreibt, wenn man sich nicht selber kümmern konnte.

In seiner zweiten Reha unterschrieben sie gleich den Rentenbescheid. Mein Papa hat Rente mit 34 bekommen. Er gründete schnell nach meiner Geburt eine eigene Familie mit einer türkischen Frau. Mein Bruder heißt Okan und meine kleine Schwester Aylin. Die hat mittlerweile eine eigene Familie und einen deutschen Pass. Ich bin Onkel. Glaube ich.

Ich und mein Papa hatten immer mal wieder Kontakt, aber nie länger. Einmal, da war ich etwa 9. Er schenkte mir 100 Mark. Das werde ich nie vergessen, weil ich heute noch weiß, was ich davon gekauft habe: mein erstes Schalke-Trikot. Ich habe es heute noch. Es hat die Größe L, weil es kein anderes mehr im Sport-Mode-Treff in Bottrop gab.

Mein Papa kommt aus einem türkischen Dorf. Ich war auf einer katholischen Grundschule in Bottrop. Wenn mein Papa mit meinem Bruder über mich redet, bin ich der Abi, dass heißt großer Bruder. Wenn mein Bruder eine rauchen geht, geht er um die Ecke. Das macht man als Türke so, nicht vor seinem Vater zu rauchen. Mir ist das scheiß egal. Tatsächlich ist es mir das wirklich, andererseits kenne ich solche Traditionen nicht und möchte sie auch nicht befolgen. Am liebsten rauch ich neben meinem Papa im Auto. Er sieht da auch kein Problem. In der türkischen Kultur sind viele unsichtbare Sachen wichtig, die ich nicht sehen kann, sie sind halt unsichtbar. Ich kann sie nichtmal fragen, sie sind ja unsichtbar. Sie sind halt einfach so und wenn man damit nicht aufgewachsen ist, wird es an allen Enden kompliziert.

Es ist schwierig. Er kapiert nicht, dass mir Weihnachten wichtig ist, ich kapiere nicht warum beim Zuckerfest Frauen und Männer getrennt voneinander sitzen. Er kapiert nicht, dass ich auf Religion kein bock habe, ich kapiere nicht, warum er findet, ich sollte Moslem werden.

Seit etwa 4 Jahren haben wir jetzt regelmäßig Kontakt. Davor ca. alle 5 Jahre mal für ein paar Wochen. Zum ersten Mal haben wir jetzt dauerhaften Kontakt. Das ist schön. Das ist eine Bereicherung für mein Leben. Seine Frau ist meine Anne. Das heißt auf türkisch Mutter. Ich finde das witzig. Ich habe sie sehr lieb, weil sie mich immer Willkommen heißt, selbst wenn ich mich doof benehme. Das ist nicht selbstverständlich. Wir schenken uns gegenseitig Vertrauen. Auch in Momenten, die wir nicht verstehen.

Mein Papa findet Erdogan gut. Ich finde Erdogan nicht so gut. Wir reden oft darüber, ich versuche zu verstehen, warum er Erdogan gut findet, ohne ihn zu verunglimpfen. Das wird noch ein paar Jahre dauern, aber irgendwann werden wir uns in der Mitte getroffen haben und uns beide verstehen.

Seit über 30 Jahren ist mein Vater im Ruhrgebiet, war auf Zeche und noch nie in irgendeinem Stadion. Ich hab Karten ergattern können, die uns direkt in die erste Reihe der Haupttribüne platzierten. Wegen Rheuma und kaputtem Knie parkten wir direkt auf P2, 150m Luftlinie vom Stadioneingang entfernt.

Weil ich finde, dass er eine eigene Grundausstattung benötigt, habe ich gleich am erstbesten Fanshop-Stand einen Schal und eine Mütze gekauft.

Als “Glück Auf” gespielt wurde musste ich mir ein paar Tränen verdrücken. Mir ist klar geworden, dass dieses ganze Bergbau-Gedönse dafür gesorgt hat, dass mein Papa überhaupt ins Ruhrgebiet gekommen ist. Er guckte gebannt auf den Videowürfel und sagte sowas wie “Ja, so war das”, als dort die Bilder von Unter Tage eingeblendet wurden. Das war schön. Er konnte nicht weggucken.

Original-Zeichnung Nordkurven-Bub

Kurz davor sagten die Ultras Gelsenkirchen, dass sie jetzt über 20.000€ spenden können für einen Kunstrasen-Platz. In Worten: Zwanzigtausend. Kurz nach dem Steigerlied zeigte die Nordkurve den Nordkurven-Bub auf ca. 40 x 40m. Eine Zeichnung die mal mit Filzstift von Kevin angefertigt wurde und über meinen Rechner glatt gezogen wurde. Für mich war das alles emotional. Sehr schön emotional. Ich bin fast jetzt doppelt so lange nicht bei Ultras Gelsenkirchen, wie ich bei Ultras Gelsenkirchen war und trotzdem wird es immer ein Teil von mir bleiben. Sie machen es gerade so gut. So souverän.

Gerne hätte ich diesen Moment der Choreo genossen. Ich konnte nur nicht, um uns herum saßen die Eltern der Einlaufkinder. Alle mussten das per Handy filmen. Aus einem völlig irrelevanten Winkel und in einer deutlich schlechteren Qualität als Sky das ganze sowieso aufzeichnet. Wer glaubt, Kinder sind vor solchen Auftritten nervös, hat noch nie die Eltern gesehen. Wirklich schlimm. Um uns herum ein Jack Wolfskin Massaker mit Perlenohrringen. Das möchte ich nie wieder erleben.

Als die Mannschaft zum warm machen kam, zeigten Ultras GE ein Transparent. Es war an Leon Goretzka gerichtet, der vor zwei Tagen seinen Wechsel zum FC Bayern bestätigt hat. Das Schöne an unseren Plätzen war, dass wir sehen konnten, dass Leon sich genau in der Mitte des Transparents warm lief.

Zwischendurch erzählte mir mein Papa, dass es die Leute in der Nordkurve sind, die den Verein am Leben halten. Nicht die Sponsoren. Er hat es wirklich schnell verstanden. Er ist ein Fuchs. Und ich bin es auch.

Ich habe vielleicht 20m von Christian Heidel entfernt gesessen, ich konnte ihn beobachten. Als Leon Goretzka ausgewechselt wurde, hat er ihn sehr warmherzig abgeklatscht. Mich hat das gewundert, schließlich ging ich davon aus, dass sie zusehen würden, dass Leon schnell von Schalke verschwinden müsse, um noch ein paar Euros zu machen. Jedenfalls habe ich so den Auftritt von Clemens Tönnies im Fernsehen gedeutet und auch die Aussagen auf der Pressekonferenz von Heidel selber. Das deckte sich nicht mit dem Bild, welches ich nahezu exklusiv hatte.

Schalke spielte 1:1 gegen Hannover. Zum Fussball gucken waren unsere Plätze auf Rasenhöhe wirklich beschissen, dazu die anstrengenden Eltern mit ihren Chips und Popcorn essenden Kindern. Was dafür gut war, war der Blick auf Domenico Tedesco, der permanent mehr Engagement einforderte. Einmal so sehr, dass er eine volle Getränkeflasche auf den Boden warf und damit nicht zu knapp Christian Heidel nass machte. Ich fand das geil, das war im Hochglanz-Schalke ein sehr ehrlicher Moment.

Als Goretzka ausgewechselt wurde, sang die Nordkurve “Spieler kommen, Spieler gehen”, sehr intensiv, sehr druckvoll. Es klang nicht besonders gut, dafür war zuviel Wut in den Herzen dieser Menschen. Aber Heidel konnte nicht anders, als zweimal Richtung Nordkurve zu gucken. Weil es so laut war. Ich bin mir sicher, dass er nicht verstanden hat, was da gesungen wurde. Ich bin mir sogar sicher, dass er das Lied nicht mal kennt, aber er musste gucken. Das hat mir gefallen.

Mein Papa hat während des Spiels gefragt, wie man denn Karten kaufen könnte. Zwischendurch ist mir eingefallen, dass es das erste mal ist, dass wir beide irgendwas gemacht haben. Also so zusammen. Außer an seinem Küchentisch Kaffee trinken oder sowas. Er wird wieder mitkommen. Er wird wieder fragen, wann wir los fahren, wo wir sitzen und wo wir parken. Schal und Mütze hat er jetzt aber schon.

Es ist schön.

Schalke dünyanın en iyi kulübüdür.

Schalke ist der geilste Club der Welt.

Eine Halbzeit bei Union

Als ich vor einem halben Jahr nach Berlin gezogen bin, war das Einzige was mich wirklich davor zurückschrecken ließ, alles was mit Schalke 04 zu tun hat.

Nach ein paar Monaten fehlt einem natürlich noch Anderes, jedenfalls fällt mir jetzt erst so richtig auf, was mir am Ruhrgebiet und zuletzt in Düsseldorf so gefiel.

In meinem sozialen Umfeld tauchten bisher nur Unioner auf und natürlich ergab es sich, dass man auch mal zu einem Spiel mitgeht. Aus 2001 hat man irgendwie noch gute Erfahrungen. Union und Schalke, dass ist kulturell nicht so ganz weit entfernt.

Weiterlesen

Ein Badewannen-Buch

Schalke, Spielsucht, viaNOgo

Als es darum ging, die Web 0.4 Traditionswoche mit Texten zu füllen, musste ich unweigerlich an dieses Buch denken, welches in letzter Zeit rund um den Schalker Markt veröffentlicht wurde.

Weiterlesen

„Willst du Schalke oben sehen, musst du die Tabelle drehen“

Gestern gegen Köln war es scheiße. Und damit könnte dieser Bericht eigentlich schon zu Ende geschrieben sein. 0 Punkte nach 4 Spielen. Zwei Zahlen die sonst für viel Zauber in unseren Köpfen sorgen, fangen an langsam ins Mark zu gehen und dort schmerzhaft auszustrahlen. Trotzdem möchte ich den Bericht mit einer kleinen Anekdote beginnen.

Weiterlesen

Die Tönnies-Pyramide

Die Mitgliederversammlung beschäftigt mich auch Wochen später noch häufig. Mir sind in der Zeit sehr viele Informationen zugesteckt worden. Vielen davon konnte man glauben, manchen klangen maximal Irre. Es hinterlässt aber ein besseres Bild im undurchsichtigen Schalke-Puzzle. Warum man mich gut informiert hat? Weil wir vor der Jahreshauptversammlung mit dem Glückauf Pils eine ziemlich gute Sendung aufgenommen haben und ich den Tönnies vor versammelter Journallie gebeten habe, sich zukünftig nicht mehr Schalke-Boss nennen zu lassen. Peter Lange hab ich zu mir nach Hause eingeladen, um bei mir zu grillen. Die Einladung empfand er zu exklusiv, was ich bedauere, wäre ein schöner Podcast geworden. Jedenfalls nahm ich im Medien-Rumble irgendwie eine Rolle ein, dir mir auch ziemlich gut gefiel.

Weiterlesen

Currywurst ist kein Heilfasten!

Heidel bringt es nicht fertig, den Journalisten neue Skandälchen in die Zeitung zu pressen.

Der perfekte Zeitpunkt, direkt zum Start des Sommerlochs einen kleinen Schatz der Schalker Blogosphäre vor dem Untergang zu retten. Zu erst gepostet auf schalkeleaks.org im Januar 2013.

Weiterlesen