interview axel hefer johannes struckmeier

Podcast-Gespräch als Text mit Axel Hefer und Johannes Struckmeier – Aufsichtsratsvorsitzender und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender des FC Schalke 04 e.V.

Im Januar hatten wir die Gelegenheit für die 143. Episode unseres Schalke-Podcast „Blauer Salon“ den Aufsichtsratsvorsitzenden Axel Hefer und den stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzendenen Johannes Struckmeier zu einem Gespräch vor die Mikrofone zu bekommen. Das Interview wurde vom „Schalker Echo“ in enger Abstimmung mit dem FC Schalke 04 e.V. in zwei Ausgaben abgedruckt und gibt uns die Gelegenheit es hier online zu veröffentlichen.

Axel Hefer und Johannes Struckmeier Im Januar sind unser Aufsichtsratsvorsender Axel Hefer und sein Stellvertreter Johannes Struckmeier zu Gast im „Blauen Salon“. In einem bemerkenswerten Interview gaben sie Einblicke in ihre Arbeit und die Strukturen unseres eingetragenen Vereins. Das Schalker Echo freut sich, Teile des Interviews abdrucken zu dürfen. Das Interview führte Pepo (Pascal Szewczyk).

Hinweis: Die Antworten wurden zum Zweck der besseren Lesbarkeit gekürzt und sprachlich überarbeitet.

Das ganze Interview wurde zunächst auf Youtube veröffentlicht.

Hallo Axel, hallo Johannes, wie kommt man eigentlich auf die Idee, Aufsichtsrat beim FC Schalke 04 zu werden

Axel Hefer: Das war ein schöner Sonntagmorgen, als ich durch den Schalker Kreisel blätterte und die Satzungsänderungsanträge zur Mitgliederversamm- lung 2014 las. Da gab es – für die Älteren unter uns – dieses Konzept „Starkes Schalke“. Ich habe das gelesen und dachte: Was ist das denn für eine Scheiße? Das ist ja de facto die komplette Entmachtung der Mitglieder . Das geht so nicht, da muss man was machen. Und dann habe ich mich gefragt: Gut, wie kann man was machen? Indem man nicht nur meckert, sondern auch mit anpackt. Ich habe mir gesagt: Dann kandidiere ich einfach mal.

Deine Familie war begeistert?

Axel Hefer: Das Feedback war so mäßig. (lacht) Die sagten: „Du bist bekloppt, du wirst eh nicht gewählt. Das ist doch alles vorher ausgemacht.“ Ich habe gesagt: „Ja gut, aber probieren kann man es ja mal.“ Und mit ein bisschen Glück hat es dann geklappt.

Für mich war relativ schnell klar: Wir brauchen Veränderungen auf der obersten Kontrollebene.

Wie war’s bei dir, Johannes?

Johannes Struckmeier: Hemdsärmeliger, würde ich sagen. Bei mir war das vor allem aus Sorgen rund um den ersten Abstieg getrieben. Vieles, was bei uns im Verein passierte, verursachte bei mir als Mitglied für ein Gefühl der Entfremdung. Und was macht man, wenn man sich selbst nicht mehr am besten vertreten fühlt? Man überlegt, wie man Einfluss nehmen kann. Für mich war relativ schnell klar: Wir brauchen Veränderungen auf der obersten Kontrollebene. Ich konnte mir vorstellen, einen Beitrag zu leisten. Deshalb habe ich mich damals beworben.

Bevor wir richtig einsteigen, finde ich es immer spannend zu erfahren: Wie seid ihr Schalke-Fans gewor- den? Was war euer erstes Spiel? Wie habt ihr Zugang zum Planeten Schalke bekommen?

Johannes Struckmeier: Ich bin 1985 in Hannover geboren und dort aufgewachsen. Es gab zwar Sympathien für Schalke, aber nicht so aktiv, dass man hingefahren ist. Wir hatten einen Nachbarn, passionierter Fan – heute ein sehr guter Freund. Der hat mich zu Schalke-Spielen mitgenommen. Mein erstes Mal war ein Heimspiel von Schalke in Hannover 1989 gegen Fortuna Köln. Schalke musste damals zwei Heimspiele in Hannover aus- tragen, weil es bei einem Heimspiel gegen Darmstadt einen Platzsturm gab und der Schiedsrichter nicht glimpflich davongekommen ist. So kam ich als Viereinhalbjähriger zu meinem ersten Schalke-Spiel. Ohne diesen Nachbarn wäre das wohl nie so eng geworden. Bis 2011 habe ich noch in Hannover gewohnt, aber jedes Heimspiel gesehen. Inzwischen lebe ich im Ruhrgebiet.

Axel Hefer: In der Familie meines Vaters sind eigentlich alle Schalke-Fans. Mein Vater war sehr liberal in der Fußballerziehung seiner Kinder . Wir sind überall hin- gefahren – Gladbach, Köln, Bochum, Wattenscheid. Wir haben einfach viel Fußball geschaut. Und dann gab es 1989 das legendäre Spiel gegen Blau-Weiß 90, das werde ich nie vergessen. Mein Bruder war aus Freiburg mit ein paar Kum- pels angereist. Die saßen alle verkatert beim Frühstück, als mein Vater sagte: „Jungs, heute fahren wir auf Schalke, der Verein braucht uns!“ Die Kumpels aus Süddeutschland waren nicht begeistert, aber mein Vater blieb hart: „Nee, nee, wir fahren jetzt alle zum Fußball nach Schalke.“ Wir hatten Stehplätze in der Südkurve, zweite Reihe ganz unten. Nach dem Spiel war klar: Das war der Wahnsinn. Hätten wir verloren, wären wir wohl runter in die Dritte Liga gegangen. Das ganze Stadion hat geknistert, dann die Euphorie beim Sieg. Danach habe ich gesagt: „Wir lassen das andere weg, wir machen jetzt nur noch blau-weiß.“ Da war ich zwölf.

Bevor wir darauf eingehen, wie eure Arbeit als Aufsichtsrat im Detail aussieht, würde ich gerne etwas anderes wissen: Ihr habt vor ungefähr fünf Jahren gesagt, in fünf Jahren sind wir in Schlagdistanz zum Europapokal. Warum hat das nicht funktioniert?

Axel Hefer: Rückblickend ist das leicht zu bewerten. 2021 haben wir gesagt: Es braucht rund fünf Jahre, um alles aufzuräumen und den Verein wieder auf stabile Füße zu stellen. Grundsätzlich wäre das möglich gewesen – theoretisch. Aber zwischen Theorie und Praxis liegt im Fußball ein weiter Weg. Was wir nicht absehen konnten, war der Wegfall unseres damaligen Hauptsponsors Gazprom. Das war ein Partner, der uns auch in der Zweiten Liga erheblich unterstützt hat. Dass wir uns trennen mussten, stand außer Frage. Dennoch hat das die Rahmenbedingungen massiv verändert – mit diesem Sponsor wäre vieles leichter gewesen. Und: Im Fußball läuft selten alles perfekt. Das Umfeld ist extrem dynamisch. Man kann sich an klassischen Unternehmensstrukturen orientieren, mit klaren Zielen, Kennzahlen, Meilensteinen – wichtig, ja. Nur ist das im Sport ungleich schwieriger. Dazu kam 2021 ein kompletter Neuanfang: Vorstand fast komplett weg, Aufsichtsrat stark verändert – ein neues Team. Da musst du dich finden, Zusammenarbeit aufbauen, aus Fehlern lernen. Wir haben sicher Lehrgeld bezahlt. Am Ende bleibt Fußball ein Stück weit Glückssache. Unser Kompass war: Schalke gehört mit seiner Größe und Strahlkraft ins obere Drittel der Bundesliga. Von dort ist Europa nicht weit.

Johannes Struckmeier: Das Wort Europa weckt noch mehr Hoffnung nach außen. Ich glaube, dass man das inzwischen relativ schnell erreichen kann – seit der Einführung der Conference League, die für mich klar zu den europäischen Wettbewerben zählt. Gleichzeitig haben wir Fehler gemacht. Es ging nicht nur um äußere Umstände.

Es macht einen Unterschied, ob du seit zehn Jahren zusammenarbeitest oder komplett neu startest.

Ich würde das gerne nochmal mehr herausarbeiten, dass auch klar ist, dass ihr auch Fehler gemacht habt. Dass wir jetzt nicht sagen: Das waren halt äußere Umstände, Pech gehabt.

Axel Hefer: Es macht einen Unterschied, ob du seit zehn Jahren zusammenarbeitest oder komplett neu startest. Das erklärt, warum du Fehler machst – und ja, so war es. Ich finde das nicht schlimm. Wer keine Fehler macht, geht zu wenig Risiken ein. Entscheidend ist: wie gehst du mit Fehlern um? Wenn jemand sagt: „So habe ich das eingeschätzt, deshalb habe ich so gehandelt. Hat nicht geklappt – nächstes Mal mache ich es anders“, ist das okay. Natürlich sind viele Fehler passiert, ein paar große, viele kleine. Im Prozess wirst du als Team stärker – idealerweise lernst du. Wenn Leute nicht lernen, musst du handeln.

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Ihr seid jetzt seit 2021 im Aufsichtsrat. Sind wir jetzt ein resilienterer Club als vor fünf Jahren?

Johannes Struckmeier: In jedem Fall. Ich denke in vier Sphären: Finanzen, Sport, unsere Struktur als e.V. – wir haben unseren Mitgliedern das Wort gegeben – und die Fans im Stadion. Finanzen waren das Riesenthema, als wir reinkamen. Nach dem Abstieg stand uns das Wasser bis zum Hals. Der Abstieg hat uns insgesamt fast 100 Millionen Euro gekostet. Wir hatten rund 250 Millionen Verbindlichkeiten. Noch wichtiger als die Ver- bindlichkeiten waren die laufenden Auszahlungen. Im ersten Jahr haben wir vor allem durch den Verkauf der eSport- Lizenz Liquidität reinbekommen. So ein Szenario haben wir heute nicht mehr . Mit der hervorragenden Platzierung und Annahme der Anleihe gab es einen weiteren Befreiungsschlag. Ziel muss sein, dass die Finanzen eine schwächere sportliche Saison aushalten, ohne den Verein umzuwerfen. Da sind wir auf einem guten Weg. Und: Es schafft Handlungsspielräume, proaktiv zu handeln, auch zu investieren. Bislang waren wir sehr getrieben von Engpässen – wir haben versucht, Schalke 04 am Leben und auf Kurs zu halten. Im Sport hatten wir in den ersten zwölf Monaten rund 80 Spielerbewegungen mit Rouven Schröder . Das muss uns erst mal ein Club nachmachen. Das lag nicht daran, dass wir hervorragende neue Spieler verpflichten konnten. Wir sind mit einem Kader in die Zweite Liga gegangen, der in großem Teil nicht einmal Gehaltsanpassungen vorsah. Wir mussten Spieler transferieren, die wir in der Zweiten Liga nicht hätten bezahlen können. Danach war es eine Herausforde- rung, einen wettbewerbsfähigen Kader zu bauen, der Aufstiegsränge erreichen kann. Das ist sehr gut gelungen. Ob das nachhaltig war, ist eine andere Frage. Darüber können wir sprechen.

Gerne. Und zwar genau jetzt.

Axel Hefer: 2021 war die absolute Priorität: finanziell überleben. Punkt. Schön Fußball spielen – das haben wir da gar nicht diskutiert. Es ging darum: Sind wir pleite oder nicht? Wie kriegen wir überbezahlte Spieler weg mit möglichst gerin- gen Zahlungen? Dass wir am Saisonende diesen Lauf hatten und hochgerutscht sind – mit einer komplett neu zusammengestellten Mannschaft – das war auch Glück. Bujo kam, die Dynamik drehte sich, und auf einmal haben wir fast alle Spiele gewonnen. Der Kader war nicht für den Aufstieg ausgelegt. Wir hatten zu viele Leihspieler – nicht geplant, es ging nicht anders. In der Ersten Liga mussten wir wieder improvisieren. Mit sieben Leihspielern in der Winterpause wollten wir das heilen – die Erfolgswahrscheinlichkeit war zu gering. In der ers- ten Saison hatten wir viel Glück, in der zweiten auch Pech. Wichtig: Nach dem Überleben ist es uns nicht gelungen, sportlich Struktur und Kontinuität schnell genug reinzubekommen. Das hat zu lange gedauert – zwei Jahre, bis Struktur und Philosophie standen. Das hätte schneller gehen müssen. Jetzt ist die dritte Phase angebrochen: Finanzen einigermaßen stabil, im Sport ein stabiles Gerüst. Du musst den Kader nicht mehr komplett umwerfen. Jetzt kannst du selektiv junge Talente reinstecken, ein, zwei erfahrene dazu – nachhaltig arbeiten. Wenn du Erfolg nicht kaufen kannst, musst du ihn erarbeiten: Kontinuität, Schritt für Schritt . Manchmal geht’s schneller, manchmal nicht. Dass es zu lange gedauert hat – das ist der Punkt.

Nach dem Abstieg 2021 stand uns das Wasser bis zum Hals. Es ging darum: Sind wir pleite oder nicht?

2024 war der absolute Tiefpunkt – persönlich und in der Vereinsgeschichte. Vom Niveau, von der Art und Weise – unerträglich.

Es gab in den letzten fünf Jahren so eine Phase, wo die Leute geschrieben haben: „Hefer raus, Aufsichtsrat raus.“ Und jetzt rückblickend, glaube ich, muss man sagen: Gut, dass du einfach weitergemacht hast. Weil in der Phase sind ja die Entscheidungen zu Baumann etc. gekommen. Wie bleibt man in so einer Phase so ruhig?

Axel Hefer: Wie ruhig man nach außen und innen ist, ist unterschiedlich. Die Mitgliederversammlung im November 2024 war der absolute Tiefpunkt – persönlich und in der Vereinsgeschichte. Vom Niveau, von der Art und Weise – unerträglich. Die Frage ist: Was hilft? Wir haben 2020/21 gesehen, was passiert, wenn du unter Druck das Steuer loslässt – dann sinkst du. Je größer der Druck, desto wichtiger, weiter in eine Richtung zu arbeiten. Fakt ist: Innerhalb der Saison kannst du keine großen Änderungen machen. Im November – egal, was die Zei- tung schreibt – kannst du keine Spieler verpflichten. Du kannst Trainer rausschmeißen und irgendjemanden neh- men, der verfügbar ist. Du kannst einen Vorstand rausschmeißen und irgendjemanden nehmen. Aber das ist nicht nachhaltig. Deswegen haben wir vor der Mitgliederversammlung gesagt: Wir machen nicht wieder denselben Fehler . Wir überlegen, was wir im Sommer besser machen. Das haben wir dann getan. Lange Rede, kurzer Sinn: Es geht nur, wenn du überzeugt bist, dass du das Richtige für den Verein machst.

Wir sind nicht in Panik verfallen, sondern haben gefragt: Ist die Struktur mit zwei Vorständen und zwei Direktoren im Sport das Richtige?

Johannes Struckmeier: Ergänzend: Wir haben uns überlegt, was wir zukünftig ändern wollen. Konkret ging es um Dynamik und Zusammensetzung in der Ver- antwortung des Sportbereichs. Wir sind nicht in Panik verfallen, sondern haben gefragt: Ist die Struktur mit zwei Vorständen und zwei Direktoren im Sport das Richtige? Passt das zu den Persönlichkeitsprofilen? Brauchen wir eine andere Struktur? Wir waren uns einig, dass wir eine Lösung mit einem verantwortlichen Sportvorstand brauchen. Dann haben wir definiert, welche Kompetenzen die Rolle braucht, um positiven Einfluss und Veränderungen zu bewirken.

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Also gerade aktuell, jetzt Januar 2026, stehen wir ja wahnsinnig gut da sportlich. Ich glaube, du hast irgendwo auch gesagt, selbst für dich überraschend, wie gut es lief. Ist der sport- liche Bereich jetzt schon so resilient, dass man mit dem Kader aufsteigen kann?

Axel Hefer: Es wäre schon früher, als wir vor der Saison erwartet hätten. Wir sind nicht in die Saison gegangen und haben gesagt: „Wir räumen das Feld von hinten auf, sind in der Winterpause Erster und gehen bis ins Ziel.“ Jede Woche sehen wir die nötige Entwicklung, gerade bei den jungen Spielern. Etliche aus der Knappenschmiede sind nachgerückt. Entscheidend ist: Wie viel lernst du bis zum Sommer? Reicht es, um nächste Saison Erste Liga zu spielen? Das wissen wir noch nicht. Da sind noch Meter vor uns. Grundsätzlich hat der Kader Entwicklungspotenzial und kann den Schritt gehen. Die Zweite Liga ist extrem ausgeglichen – sechs, sieben Teams können aufsteigen. Harte Arbeit, jeder Punkt zählt, immer 100 Prozent. Was Miron sagt: voller Einsatz fürs nächste Spiel. Wenn du das hinbekommst, ist das extrem viel wert. Auf der anderen Seite ist viel Zufall dabei. Wenn sich ein, zwei Leistungsträger verletzen – was wir nicht hoffen –, sieht es gleich anders aus. In der Zweiten Liga gibt es kein „Wir steigen auf jeden Fall auf“. Das kannst du dir finanziell gar nicht leisten. Du müsstest mit 45 Millionen Euro Budget reingehen – und wenn du dann nicht aufsteigst, bist du pleite. Also: Aufstieg erarbeiten – und das ist am Ende schöner.

Wir kennen es ja schon ein bisschen länger und ich glaube ja, dass Schalke aus sich selbst heraus stark genug ist, um wieder erfolgreich zu sein – ohne externe Hilfe oder große Geldgeber. Stimmt das wirklich?

Axel Hefer: Frank (Baumann) hat es schön gesagt: „Mehr machen und weniger reden!“ Was passt zu uns, zu Schalke, zum Ruhrgebiet? Uns wurde nie etwas geschenkt – das Ruhrgebiet ist durch harte Arbeit nach oben gekommen. Im Fußball ist es genauso. Erfolg kaufen ist einfacher, aber nicht derselbe Erfolg. Es macht mehr Spaß, eine Mannschaft zu verfolgen, die sich anstrengt, Ziele zu erreichen, als einen zusammengekauften Haufen. Wenn wir auf unsere Historie schauen und fragen, welche Ereignisse uns am meisten Freude gemacht haben: der Erfolg in Mailand, die Saison 2000/01 – vorher im Mittelfeld, dann durch großen Einsatz fast Meister.

Johannes Struckmeier: In den Jahren danach sind wir finanziell intensiv in Vorleistung gegangen. Eine Meisterschaft wäre super gewesen, hätte sich meiner Meinung nach aber nicht so schön angefühlt wie 2001 – auch wenn es großartig gewesen wäre.

Wie viel Zeit investiert ihr pro Woche in euer Aufsichtsratsamt?

Johannes Struckmeier: Zwischen fünf und zehn Stunden. Das ist dynamisch und hängt von der Situation ab. In schwierigen Zeiten, wenn der Druck von außen groß ist, kostet es mehr Zeit als in Phasen, in denen die Kommunikation nicht so im Fokus steht. Wenn auf Schalke die Luft brennt, sitzen wir in der ersten Reihe und überlegen: Was können wir tun? Können wir Dinge ad hoc verbessern oder nur langfristig? Dann ist der Austausch intensiver – im Gremium untereinander und mit den Vorständen.

In dem Fall wären wir aufgrund der Vertragsgröße pleite gewesen.

Axel Hefer: Das Ende nach oben ist offen. Die härteste Woche war aus meiner Sicht die des Einmarsches in die Ukraine. Da ging es schon am Freitag los mit der Entscheidung, GAZPROM vom Trikot zu nehmen – ein Extrembeispiel. Das Thema war unglaublich komplex. Du hast einen bestehenden Vertrag mit einem deutschen Unternehmen. Wenn du den brichst, bist du schadensersatzpflichtig. In dem Fall wären wir aufgrund der Vertragsgröße pleite gewesen. Auf der anderen Seite – völlig verständlich – fragt die ganze Welt: Wie könnt ihr weitermachen? Bei so großen Interessens- konflikten wird es extrem schwierig. Das waren eher 100 Stunden, rund um die Uhr, eine Woche lang – um zu klären, was die richtige Lösung ist und wie man alle hinter dieser Lösung versammelt. Ein wesentlicher Teil der Arbeit ist, Konsens zwischen elf Personen im Aufsichtsrat zu finden.

Wir sind aber de facto das Präsidium eines der größten Vereine der Welt.

Und ihr habt ja noch andere Aufsichtsratsmandate, in ähnlich großen Unternehmen. Wo sind die Unterschiede?

Axel Hefer: Ich habe aktuell zwei weitere Mandate. Ein normales Aufsichtsratsmandat ist anders: Man trifft sich einmal im Quartal, hat einen technischen Teil, schaut sich die Quartalszahlen an und prüft, wie das Geschäft läuft. Je nach Börsennotierung kommt Compliance dazu und Gespräche mit den Wirtschaftsprüfern – also viel Technik. Dazu gibt es einen Teil, in dem man den Vorstand berät. Im normalen Aufsichtsrat- Vorstandskonstrukt ist der Vorstand allerdings deutlich unabhängiger als bei uns. Wichtig ist: Wir sagen zwar „Aufsichtsrat“, weil es in der Satzung steht, aber de facto sind wir auf Schalke ein Verwaltungsrat. Wir müssen bei jedem Geschäft über 500.000 Euro zustimmen – also bei allen wesentlichen Geschäften. In einem normalen Aufsichtsrat ist man weiter weg, auf höherer Abstraktionsebene. Da schaut man vielleicht einmal im Jahr aufs Management‑Setup. Bei Schalke sind wir durch die Zustimmungspflichten zu vielen Einzelentscheidungen automatisch näher am operativen Geschäft.

Johannes Struckmeier: Ergänzend: Sehr plastische Beispiele sind die Themen rund um die Mitgliederversammlung, Satzungsanträge und Ähnliches. Das muss intensiv begleitet werden, etwa durch unseren Miteinander‑Ausschuss. Eine Dimension, die es in keinem anderen Aufsichtsrat gibt.

Axel Hefer: Und wir sind nicht nur Aufsichtsrat, sondern auch die obersten gewählten Repräsentanten eines Vereins…

Wir sind schon mal gar nichts, was die Bild-Zeitung gerne als Titel nimmt.

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Die „Schalkebosse“?

Axel Hefer: Wir sind schon mal gar nichts, was die Bild‑Zeitung gerne als Titel nimmt. Wir haben zwei Aufgaben, die sich überlappen. Das ist kompliziert und bei anderen Vereinen getrennt. Auf der einen Seite das Unternehmen Schalke, also das Fußballunternehmen, das bei den meisten Vereinen in einer Kapitalgesellschaft liegt. Das kann man managen wie ein normales Unternehmen – im Sportbereich trifft man sich vielleicht häufiger. Wir sind aber de facto das Präsidium eines der größten Vereine der Welt. Und das ist ein politisches Amt. Da gibt es kein richtig oder falsch – es ist Politik.

Im Unternehmerischen kannst du klar sagen: Können wir uns den Spieler leisten, ja oder nein? Im politischen Bereich gibt es keine eindeutigen Antworten. Manches siehst du so, anderes jemand anders – Politik eben. Und das findet bei uns im selben Gremium statt. Wir brauchen Menschen, die das Unternehmen verstehen und in der Vereinspolitik eine Meinung vertreten, und Leute, die als Aufsichtsrat den Vorstand beaufsichtigen. Wir machen alles gleichzeitig. Das ist nicht trivial, weil es sich gegenseitig beeinflusst.

Wenn du den Verein „unterdrücken“ würdest – Mitglieder wählen ein Gremium, ein zweites, ein drittes, und die machen irgendwas –, hättest du als Mitglied zwar formal Rechte, aber de facto nichts zu sagen. Deshalb lassen wir Satzungsänderungsanträge grundsätzlich zu. Dann werden sie diskutiert. Wir versuchen, es so demokratisch wie möglich zu halten. Lange Rede, kurzer Sinn: Der politische Teil der Arbeit wird dadurch größer.

Das klingt immer so, als wäre das ein Problem. Dabei ist das ja auch die Lösung für unseren Verein. Also die Mitbestimmung, diese demokratischen Prozesse und so. Ich glaube ja, dass wir mittelfristig nichts besser vermarkten können als unseren gelebten eingetragenen Verein. Das hat ja ganz viel damit zu tun, dass ganz viele von uns das Gefühl haben, ein Teil von Schalke zu sein. Und das ist ja in anderen Vereinen nicht so, weil das sind ja nur Entertainment-Buden…

Axel Hefer: Deswegen machen wir das so. Ich halte das für richtig, aber es hat einen Preis und Folgeerscheinungen. Wir würden es nicht tun, wenn wir es nicht richtig fänden.


Johannes Struckmeier: Die Vermarktung kann immer nur das Ergebnis sein. Wir machen keine Dinge, um uns besonders zu vermarkten. Es ist ein ureigenes Schalker Gefühl: gemeinsam etwas bewegen. Diese Positivität kann man ver- markten – aber ich würde das nicht von hinten erzählen.

Es gibt ja diesen Satz „Der Aufsichtsrat bestimmt die Leitplanken“. Wie bestimmt ihr die Leitplanken, praktisch gesehen?

Johannes Struckmeier: Zum einen über die Arbeit in den Ausschüssen innerhalb bestimmter Fachbereiche.

Johannes, du bist Sportausschussvorsitzender. Axel, du bist auch im Sportausschuss. In welchen Ausschüssen seid ihr noch?

Johannes Struckmeier: Im Miteinander-Ausschuss.

Axel Hefer: Strategie und Marketing.

Johannes Struckmeier: Genau. Da arbeiten wir an konkreten Themen. „Leitplanken“ sind für mich Übergeordnetes aus der Gesamtstrategie des Vereins, die federführend beim Vorstand liegt, dieser ist mit uns aber immer im Austausch. Wenn wir eine Strategie ableiten, müssen wir auch Zielgrößen definieren: Wie kontrollieren wir, ob wir erfolgreich sind? Wollen wir die Strategie weiterverfolgen? Auch das läuft häufig in den Ausschüssen – Kontrolle und direkte Beratungsdiskussion. In den großen Sitzungen des Aufsichtsrats entscheiden wir gemeinsam mit dem Vorstand, in welche Richtung wir laufen wollen. Da wird diskutiert, auch kontrovers zu Zielen und Strategien. Am Ende müssen wir gemeinsam den Kurs halten und zugleich den Vorstand notwendigerweise kontrollieren.

Axel Hefer: Darüber hinaus: 2021 haben wir Kernentscheidungen getroffen, die seitdem stehen. Wir kämpfen uns selbst aus der Situation heraus – wir nehmen kein neues Geld auf, wir bleiben unabhängig. Das ist gesetzt, darüber gibt es keine Diskussion. In der Vergangenheit war das anders.

Zweitens: Wir stehen zum Ruhrgebiet. Keine emotionale Entfremdung. Wir sind der Leuchtturm im Revier und setzen uns dafür ein. Die Menschen sollen sich mit Schalke identifizieren, das Stadion als Treffpunkt nutzen, zusammen- kommen.

Drittens: Weg von aus dem Bauch getriebenen Ad‑hoc‑Entscheidungen. Wir wollen Kontinuität im Sport, also strukturiertes Vorgehen. Das hat etwas länger gedauert, aber das waren die wesentlichen Entscheidungen, die wir schnell ge- troffen haben, als wir 2021 neu zusammenkamen.

Diese Leitplanken haben wir dem Vorstand mitgegeben: Das sind unsere übergeordneten Prinzipien, politisch für richtig gehalten. Der Vorstand ist in der Pflicht, sie umzusetzen.

Johannes Struckmeier: Ein gutes Beispiel ist der Kaderwert im Sport, der in der Vergangenheit stark betont wurde. Aus meiner Sicht ist es ganz natürlich, beim Fußballclub auf den Kaderwert als Steuerungsgröße zu achten. Dass es so stark betont wurde, liegt an der Historie: Es gab zu viele Ereignisse – man denke an Transfers wie Rudy, die inhaltlich gar nicht auf Kaderwert abzielten. Deshalb musste es betont werden.

„Ihr spart den Verein kaputt, ihr wollt nicht ausgliedern, sonst wären wir sofort in der Champions League.“

Können wir kurz herausarbeiten, warum wir kein weiteres Fremdkapital aufnehmen wollen? Warum wollen wir unabhängig bleiben und warum ist das die Strategie des FC Schalke 04?

Axel Hefer: Schau mal raus aus dem Fußball: Warum verkaufen viele Mittelständler im Sauerland ihr Unternehmen nicht? Weil es nicht nur ums Geldverdienen geht, sondern um mehr . Und so- lange es um mehr geht, hat das einen Preis. Schau dir Hamburg, Hertha und andere Beispiele an: Du hast dann eine Zecke im Pelz, die nur Geld verdienen will, und du willst nicht nur Geld verdienen. Das macht alles komplizierter . Du hast permanent Stress mit jemandem. Unsere Stärke: Wenn wir uns zu elft einig sind, können wir handeln, ohne Externe zu fragen. Wir müssen keinen Investor überzeugen und Renditen vorrechnen. Wenn wir sagen, wir verzichten auf eine Million beim Sponsor, weil er nicht zu uns passt, dann machen wir das.

Der einfachere Weg ist, kurzfristig Geld reinzuholen und den Druck zu senken. Das ist ein klassischer Fehler: kurzfristig Druck rausnehmen, langfristig Probleme schaffen. Frag mal in Hamburg, ob man nicht gerne 15 Jahre zurückgehen würde – könnte gut sein. Wir sind kein Entertainment‑Unternehmen – jedenfalls für mich nicht. Bernd Schröder hat das sehr gut gemacht: Er kam, sagte, er wolle verstehen, was Schalke ist, sprach mit allen, machte Umfragen. Im Strategieausschuss sagte er: „Verrückt, keiner redet über Fußball.“ Und wir: Ja, natürlich. Warum? Schalke ist ein Gefühl. Nicht das Produkt auf dem Fernseher . Das ist bei uns ausgeprägter als anderswo.

Ein weiterer Punkt, den viele nicht wissen: Im Fußball bemisst sich der Preis da- nach, wie viel Geld du hast. Ein Spieler ist teurer, wenn du mehr Geld hast, als wenn du weniger hast – völlig verrückt, als würde man im Supermarkt je nach Einkommen andere Preise zahlen. Wenn bei Hertha 200 Millionen reinkommen, ist jeder Spieler in dem Moment doppelt so teuer . Das heißt: Die Kohle sind nicht 200, sondern 100 Millionen. Das wird oft vergessen.

Deshalb wäre es das Dümmste, externes Geld auf einen Schlag zu nehmen. Besser wäre eine Streckung über zehn Jahre. Die Diskussion suggeriert oft: „Ihr spart den Verein kaputt, ihr wollt nicht ausgliedern, sonst wären wir sofort in der Champions League.“ Das ist viel zu simpel. So einfach ist es nicht.

Was ich mir wünschen würde, ist, dass das gelebte Schalke – also die Nordkurve, das Stadion, dieses einzigartige Miteinander – stärker mit dem Bild von Schalke beieinander ist, das viele Businessgäste haben. Oft scheint das weit weg von Gemeinschaft und „Schalke gehört uns allen“. Wie seht ihr das – können diese beiden Welten, Kurve und Business, zusammenfinden?

Du hast dann eine Zecke im Pelz, die nur Geld verdienen will.

Johannes Struckmeier: Dem kann ich etwas abgewinnen. Es wäre begrüßenswert, wenn das Gefühl auch auf Logen- besucher und deren Partner überspringt. Dass das ausschließlich der Fall ist, ist eher Utopie. Wir gewinnen auch Partner, die grundsätzlich am Stadion‑Erlebnis interessiert sind, Menschen zusammenbringen wollen und glauben, dass unser Stadion im Ruhrgebiet ein guter Ort dafür ist. Deshalb gibt es nicht uneingeschränkt die Situation, die du dir wünschst.

Axel Hefer: Schön wäre es, aber ich weiß nicht, ob es realistisch ist. Menschen gehen aus unterschiedlichen Gründen ins Stadion – das sollte man akzeptieren.

Ich gehe hin, weil ich Gänsehaut will, wenn das ganze Stadion ein Lied singt…

Axel Hefer: Es gibt die Leute, die gehen ins Stadion, um guten Fußball zu sehen. Es gibt aber auch Leute, die in den Business Club gehen, dort Geschäftspartner treffen und Geschäfte machen. In unser Stadion passen 62.000 Menschen – es gibt unterschiedliche Gründe, hinzugehen. Es ist nicht zwingend besser, wenn alle den gleichen Grund haben. Soll jeder hingehen, warum er möchte. Das ist okay.

Johannes Struckmeier: Und nicht jeder, der unser Stadion besucht, ist Mitglied im Verein.

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Wollen wir mal darüber reden, wie die Arbeit des Aufsichtsrats rein handwerklich aussieht? Habt ihr eine WhatsApp- Gruppe, oder wie kommuniziert ihr miteinander?

Axel Hefer: Grob: Wir treffen uns normalerweise fünfmal im Jahr zu regulären Sitzungen, fast einen Tag lang. Dort werden Finanzzahlen vorgestellt, die aktuelle Saisonsicht, Marketing‑Neuerungen, Lage im Sport, Ausblick – der normale Unternehmens‑Teil. Es gibt Adhoc‑Sitzungen für wichtige Entscheidungen, die nicht bis zur nächsten Sitzung warten können – als Videokonferenzen, teils kurzfristig einberufen. Die inhaltliche Arbeit, bei der wir 500.000‑Euro‑Ge- schäfte tiefer verstehen, passiert im Wesentlichen in den Ausschüssen. Die tagen so häufig, wie nötig – in Transferperioden einmal pro Woche oder öfter. Es gibt mehrere WhatsApp‑Gruppen: eine für den Gesamtaufsichtsrat, je eine für die Ausschüsse.

Johannes Struckmeier: Dort schreiben wir nichts Vertrauliches rein, sondern dass wir uns besprechen müssen.

Axel Hefer: Wichtig: Seit 2021 hat der Aufsichtsrat eine Loge über der Nordkurve, nicht mehr im direkten Blickfeld der TV‑Kameras. Wir sind in der Regel bei allen Heimspielen anwesend und nutzen die Zeit für Austausch. Wenn Johannes etwas im Sport mit Frank besprochen hat und alle es wissen sollten: „Kurz zusammen, sprechen wir drüber.“ Viel informelle Kommunikation. Darüber hinaus läuft es im Wesentlichen über die Ausschüsse. Das ist die Grundstruktur.

Ich finde, ihr müsstet den Vorstand und die hauptamtliche Organisation so befähigen, dass sie eigenständig handeln können – ohne dass der Aufsichtsrat ständig vorgibt, wo’s langgeht. Auf Schalke war ja lange das Denken: „Einer sagt an, der Rest folgt.“ Das ist ja Quatsch und lähmt Eigeninitiative. Sind wir da heute schon einen Schritt weiter?

Johannes Struckmeier: Die Antwort steckt in dem, was wir besprochen haben: Du brauchst eine Strategie, die allen klar ist – was ist unser Nordstern, in welche Richtung laufen wir gemeinsam? Das ist auch in unseren Hauptberufen eine Kernaufgabe: Organisationen so zu gestalten, dass sie das Ziel verfolgen. Aktuell wissen wir gemeinsam mit dem Vorstand, wohin wir wollen. Das erleichtert, dass nicht eine Person alleine stän- dig neu sagt: „Links oder rechts“, sondern wir haben gemeinsame Ziele und Wege definiert. Im Einzelfall reden wir nach, wenn wir nachschärfen müssen oder es große Sachverhalte gibt – jüngst zum Beispiel der Stadionsponsor. Namensgeber bedürfen größerer Diskussion, aber das kann sich nicht auf jeden einzelnen Sachverhalt beziehen.

Besprecht ihr die Ziele alleine in eurem ehrenamtlichen Gremium oder bezieht ihr den Vorstand da mit ein, oder gibt es da noch einen weiteren, anderen Weg? Du brauchst eine Strategie, die allen klar ist – was ist unser Nordstern, in welche Richtung laufen wir gemeinsam? Das ist auch in unseren Hauptberufen eine Kernaufgabe.

Axel Hefer: Das ist stark gemeinsam. Über die Ausschüsse sind wir im guten Austausch. Da wird viel gemeinsam diskutiert und erarbeitet. Ich gehe einen Punkt zurück: Man gibt grob das Ziel vor und setzt große Leitplanken. Die Umsetzung liegt beim Vorstand. Man hinter- fragt dann. Wenn man erfolgreich ist, läuft es, man fühlt sich gut – kein Problem. Die große Frage ist: Was tun wir, wenn es richtig scheppert? In dieser Situation spürt man extremen Druck und die Verlockung, im Detail durchzuregieren. Das haben wir nicht gemacht – trotz reichlich Druck Ende letzter Saison. Es ist schwierig, Dinge zu akzeptieren, die man selbst anders machen würde. Wenn man dafür einen abbekommt, fühlt sich das nicht gut an. Da braucht es Disziplin. Die hatten wir: Es ist nicht unser Job, es ist ihrer . Wir machen uns über die große Struktur Gedanken – das haben wir parallel getan.

Sind die Ziele, die ihr mit dem Vorstand erarbeitet, messbar?

Axel Hefer: Es gibt Tausende Bücher zu Zielen. Ich bin ein Freund der pragmatischen Herangehensweise – so mache ich es auch außerhalb von Schalke als Vorstand. Ich sitze jedes Quartal mit meinen Leuten zusammen: Was sind die fünf Dinge, die du dieses Quartal erreichen willst? Beim nächsten Quartal schauen wir zurück: War es ein gutes Quartal?

Die Logik ist einfach: Ziele müssen nicht messbar, aber beantwortbar sein. Haben wir das Stadionerlebnis in den zwei Stunden vor dem Spiel verbessert? Ja oder nein. Mit Biergarten, Wintergarten und so weiter? Ja, erledigt. Nicht exakt messbar, aber beantwortbar – das ist wichtig. Wenn du nur messbare Ziele verlangst, wirst du akademisch und weichere Ziele fallen heraus – dabei sind die gerade für uns wichtig.

Johannes Struckmeier: Ergänzend: Es gibt auch messbare Ziele. Der Kaderwert zum Beispiel – den kann man messbar machen. Aber bei Dingen wie Stadionerlebnis oder Mitbestimmung für Mitglieder kannst du vorher nicht sagen: Wie messen wir das konkret?

Axel Hefer: Richtig. Du kannst nicht sagen: Das ist zehn Prozent besser geworden. Aber du kannst sagen: Es ist transparenter geworden. Das geht. Was ich auf jeden Fall sagen kann, ist, dass wir einen wahnsinnig großen Schritt Richtung Demokratie nach vorne gemacht haben. Das erkennt man auch daran, dass ihr ja jeden Antrag erst mal zulasst. Es sei denn, der ist halt formell falsch oder juristisch Quatsch, dann nicht.

Ich wünsche mir, dass bei der Mitgliederversammlung viel mehr Mitglieder die Gelegenheit nutzen, Fragen zu stellen.

Das war früher anders. Da wurde erst mal jeder Antrag abgelehnt und das wurde begründet, je nachdem, wie die Sonne stand. Heute war Miteinander-Ausschuss und ich habe da zwei Anträge reingekippt. Das war eine tolle Erfahrung heute. Also da wird mit dir auf Augenhöhe gesprochen, mehrere Blickwinkel gibt es da, alle werden schlauer im Raum. Das ist toll. Also wir sind ein Verein zum Mitmachen.

Johannes Struckmeier: In diesem Format haben wir Anträgen zur Zulassungsfähigkeit verholfen, denen wir inhaltlich eigentlich nicht folgen wollten. Wir haben Antragstellern geholfen, die nicht die richtige Form gewählt hatten, sodass ihr Antrag zur Abstimmung zugelassen wurde – auch wenn wir ihm inhaltlich nicht folgen wollten.

Axel Hefer: Kleiner Werbeblock: Ich wünsche mir, dass bei der Mitgliederversammlung viel mehr Mitglieder die Gelegenheit nutzen, Fragen zu stellen. Bei einer normalen AG ist das anders – da fragen die Aktionäre einfach. Bei uns ist das zu wenig. Entweder Krawalltouristen, die einfach pöbeln, oder gar nichts. Dabei ist das die Möglichkeit zu fragen: Warum ist das so? Warum habt ihr das so gemacht? Warum sind die Ausschüsse so und nicht anders? Oft höre ich: „Warum sagst du es nicht von dir aus?“ Das ist etwas anderes. In zehn Minuten Bericht kannst du nicht alles Interessante erklären. Manches ist für dich interessant, aber nicht so relevant für den Bericht. Die Mitgliederversammlung ist eine Chance, die aus meiner Sicht zu wenig genutzt wird.

Die öffentliche Bühne ist groß, mit vielen Scheinwerfern.

Wenn ich jetzt überlege, ich würde gerne Aufsichtsrats-Mitglied von Schalke 04 werden – was sollte ich mir vorher überlegen? Gibt es Charaktereigenschaften, die nicht so gut dazu passen? Was würdet ihr sagen? Was wäre eine coole Persönlichkeit? Also ich sage mal ein Beispiel: Wenn ich jeden Tag bei Social Media erzählen muss, wie cool ich bin, dann liegt der Verdacht nahe, dass Aufsichtsrat bei Schalke 04 nicht die beste Idee ist. Wir wollen, glaube ich, keine Leute, die ständig die Bühne suchen.

Johannes Struckmeier: Ein ganz wichtiger Punkt ist, Kritik einstecken zu können – auch wenn man eine andere Meinung hat. Wir entscheiden demokratisch, das Ergebnis entspricht nicht immer der individuellen Meinung eines Mitglieds, es kann komplett entgegengesetzt sein. Nach außen muss ich dafür geradestehen und aushalten, infrage gestellt zu werden. Man sollte nicht der Versuchung erliegen, sich der Gruppe zu entziehen: „Ich hatte eine komplett andere Meinung, sollen die machen, was sie wollen, davon halte ich nichts.“ Man muss das ertragen können. Wichtig ist auch Demut: Wir sind von den Mitgliedern auf Zeit gewählt. Uns wird Verantwortung übertragen – für unsere Mitglieder, unseren Verein. Damit müssen wir gut umgehen. Das ist die Voraussetzung. Danach kommen die Fähigkeiten. Wenn beides erfüllt ist, hat man ein gutes Profil.

Axel Hefer: Dem stimme ich zu. Du musst akzeptieren, wenn das Gremium anders entscheidet. Es sind elf Leute – es kann 6:5 ausgehen. Fünf sehen es anders, müssen aber akzeptieren, dass die Mehrheit entschieden hat. Das ist Demokratie – gerade in unserem Umfeld nicht einfach. Man sollte nicht der Versuchung erliegen, sich der Gruppe zu entziehen. Die öffentliche Bühne ist groß, mit vielen Scheinwerfern. Hilfreich ist, wenn du eigentlich nicht die Bühne suchst, sondern lieber im Hintergrund arbeitest. Wenn es dir um die Sache geht, nicht um Außenwirkung. Wer die Bühne liebt, ist anfällig – es geht schnell, dann bist du „drauf“. Wenn wir schlecht Fußball spielen, sind wir die größten Idioten; wenn wir gut spielen, sind wir plötzlich clever. Da musst du drüberstehen. Manche Persönlichkeitsprofile können das besser, andere schlechter. Genau wie Johannes sagt.

Wenn ihr heute auf Schalke 04 guckt, seid ihr ein bisschen stolz darauf, was ihr schon erreicht habt?

Johannes Struckmeier: Ich denke nicht in dieser Sphäre. Der Gedanke liegt mir fern. Es gibt zu viel zu tun. Ich denke zuerst daran, was wir alles noch gemein- sam machen können.

Axel Hefer: Nein. Wir haben noch nichts erreicht. Fortschritt ist kein Erfolg – er kann komplett auf null fallen. Der Verein muss erst wieder richtig stabil werden und dort sein, wo er hingehört. Bis dahin hat man de facto nichts erreicht. Wenn wir drei schlechte Transfers machen, morgen den Trainer entlassen, uns übermorgen den Schädel einschlagen, spie- len wir nächste Saison wieder gegen den Abstieg – dann haben wir 0,0 erreicht. Erreicht haben wir etwas, wenn der gesamte Verein nachhaltig solide auf- gestellt ist – von ganz oben bis ganz unten. Dann kann man stolz sein, wenn man irgendwann zurückblickt. Aber jetzt ist noch zu viel zu tun – nicht der richtige Zeitpunkt.

Echo

Das Schalker echo bedankt sich bei Axel Hefer, Johannes Struckmeier, Pepo und beim FC Schalke 04 für die Unterstützung und Freigabe.

1 Kommentar zu „Podcast-Gespräch als Text mit Axel Hefer und Johannes Struckmeier – Aufsichtsratsvorsitzender und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender des FC Schalke 04 e.V.“

  1. Gibt´s das noch? Ein Demokratietraum in dem nach einer 6:5 Abstimmung nicht 5 Hansel die per sozialem Netz rumplärren, sondern sich hinter die gemeinsam ausdiskutierte Entscheidung stellen.

    Tolles Interview!

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