Mehr als 90 Minuten: Schalke 04 und die Aufgabe, Heimat zu bleiben

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Sebastian Buntkirchen, Direktor Fankultur bei Schalke 04, über Identität, Gelsenkirchen und die Frage, was einen Verein wirklich ausmacht – im Gespräch bei Spotlight, der Veranstaltungsreihe von CORRECTIV.Lokal.

Ein Heimspiel bei Schalke dauert keine 90 Minuten. Es fängt morgens an, zieht sich durch den Tag, endet vielleicht erst spätabends in einer Kneipe. So hat es Sebastian Buntkirchen selbst erlebt – zuerst als Fan, dann als Mitarbeiter, heute als Direktor Fankultur. Beim Spotlight-Gespräch der CORRECTIV.Lokal-Redaktion in Gelsenkirchen sprach er offen darüber, was Schalke 04 von anderen Vereinen unterscheidet, welche Verantwortung der Klub gegenüber seiner Stadt trägt und wie man Tradition in die Gegenwart übersetzt.

Vom Fan zum Direktor: eine Karriere aus Überzeugung

Buntkirchens Verbindung zu Schalke beginnt in der Kindheit – durch seinen Vater, der ihn früh mit ins Stadion nahm. „Ich war sehr klein, als ich zum ersten Spiel gegangen bin“, erinnert er sich. Was folgte, war ein Leben lang Schalke: als jugendlicher Kurvenbesucher, als Student, der seine Diplomarbeit über die Veltins-Arena schrieb, und schließlich als Vertrauter von Manuel Neuer, dem er half, seine Karriere im Haifischbecken des Profifußballs strategisch zu navigieren – abseits rein wirtschaftlicher Beraterinteressen.

Den Schritt in die Vereinsstruktur wagte er trotz Widerständen aus dem Freundeskreis. „Es gab niemanden, der gesagt hat: Gut gemacht, herzlichen Glückwunsch. Es gab eigentlich nur Leute, die gesagt haben: Mach das nicht.“ Er machte es trotzdem. Bereut hat er es nie.

Fankultur als strategische Aufgabe

Was macht Fankultur eigentlich aus? Für Buntkirchen ist es kein Betreuungsthema, sondern ein kulturelles. Schalke 04 brauche eine „Gebrauchsanweisung“ – eine gelebte Identität, aus der jeder Mitarbeiter ableiten kann, was die richtige Entscheidung im Alltag ist. „Schalke 04 muss unabhängig von Personen immer die gleichen Entscheidungen treffen“, sagt er. Der Verein sei zu oft von einzelnen Persönlichkeiten geführt worden, die einen begrenzten Zeithorizont hatten.

Schalke sei eine Arbeitermarke – gegründet von Bergleuten, geprägt von einer Region im Wandel. Diese Identität müsse heute neu erzählt werden: nicht als Erinnerung an den Bergbau, sondern als Haltung. „Ärmel hochkrempeln und für eine Sache kämpfen – das ist etwas, was in der Identität von Schalke weitergeht.“

Gelsenkirchen und Schalke: Eine Beziehung, die Pflege braucht

Der durchschnittliche Stadionbesucher bei Schalke ist Mitte 40, hat einen Anreiseweg von 110 Kilometern – und wohnt damit sehr wahrscheinlich nicht in Gelsenkirchen. Das sei kein Ruhmesblatt, findet Buntkirchen, sondern ein Warnsignal. „Die Arena ist wie ein Raumschiff, das da gelandet ist.“ Der Verein müsse aktiv daran arbeiten, Teil der Stadt zu sein – nicht nur Teil ihrer Geschichte.

Konkret bedeutet das: Präsenz bei städtischen Veranstaltungen, Schulprojekte, Stipendien für Erstsemester aus nicht-akademischen Familien, Bolzplätze im Ruhrgebiet und die Initiative „Schalke hilft“, die lokale Engagierte sichtbar macht statt nur Geld zu verteilen. „Wir wollen Multiplikator sein für Menschen, die sich wirklich engagieren.“

Haltung zeigen – auch wenn es unbequem wird

Schalke 04 versteht sich per Satzung als offene Vereinsgemeinschaft. Wer diese Offenheit ablehnt, hat in ihr keinen Platz. Das führt bisweilen zu Reibung – in sozialen Netzwerken, im Stadion, manchmal auch persönlich. „Ich bin auch schon angefeindet worden“, sagt Buntkirchen. „Aber wenn die Menschen sich dabei demaskieren, kann man als Verein entsprechend handeln.“

Für ihn ist das keine politische Positionierung, sondern eine Grundhaltung: Jeder, der Schalker sein will, soll Schalker sein können. Daraus folgt konsequent, dass der Verein für Demokratie, Integration und gesellschaftliche Teilhabe eintritt – nicht weil es opportun ist, sondern weil es zur Identität gehört.

Das Gespräch machte deutlich: Schalke 04 denkt gerade intensiv darüber nach, was es bedeutet, ein Verein für Menschen zu sein – und nicht nur für Zahlen. Ob Aufstieg oder nicht, diese Frage bleibt. Und Sebastian Buntkirchen ist der Überzeugung, dass sie langfristig wichtiger ist als jedes Ergebnis.

Zum ersten Mal, so Sebastian Buntkirchen: „Laufen im Aufsichtsrat und Vorstand alle in die gleiche Richtung.“, was sicherlich auch ein großer Verdient von Vorstandsvorsitzenden Matthias Tillmann ist.

Aufgezeichnet beim Spotlight-Abend von CORRECTIV.Lokal Gelsenkirchen, März 2025. Gesprächspartner: Sebastian Buntkirchen, Direktor Fankultur, FC Schalke 04.

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SPOTLIGHT Gelsenkirchen ist die Lokalredaktion des gemeinwohlorientierten Medienhauses CORRECTIV. Sie veröffentlichen nicht nur eine kostenfreie digitale Lokalzeitung für Gelsenkirchen, sondern betreiben auch ein gemütliches Café mit offener Redaktion im Herzen der Stadt, wo wöchentlich ein Gesprächs-Abend mit einem Protagonisten der Stadt stattfindet.

https://gelsenkirchen.correctiv.org/

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