Lust auf Gewinnen oder Angst zu verlieren?

Vor einem Jahr stand der FC Schalke 04 am 25. Spieltag mit 33 Punkten auf dem 11. Platz und somit im tabellarischen Niemandsland. Nach oben durfte man sich nicht mehr ernsthafte Chancen ausrechnen, der Vorsprung auf den Relegationsrang 16 betrug 10 Punkte und somit genauso viel, wie der 3. Platz entfernt war. Anschließend verkam die Saison mit lediglich einem Sieg aus den letzten sieben Spielen zum sportlichen Desaster, inklusive Trainerentlassung und Fanaufstand am letzten Spieltag.

Tabelle nach 25 Spieltagen in der letzten Saison 2024/2025

Blickt man auf Schalke im Frühjahr 2026, zeigt sich ein komplett gegensätzliches Bild. Wie es dazu kam, wurde vielfach besprochen. Der sportliche Erfolg bewirkt gleichzeitig einen anderen Blick auf das nahende Saisonfinale. Während 2025 zunächst, ich nenne es mal interessierte Gleichgültigkeit, vorherrschte, die am Saisonende in Wut und Frustration umschlug, dürften die Gesichter der Schalker momentan so strahlen wie die Sonne über dem Berger Feld an einem warmen Frühlingstag. 

Aktuelle Tabelle nach dem 25. Spieltag 2025/2026

Fußballfans im Allgemeinen und Schalker im Speziellen wissen jedoch, dass ihr Gemütszustand meistens nur eine geringe Halbwertszeit hat. In einem sogenannten Ergebnissport ist das letzte Resultat immer das wichtigste. Es prägt die mediale Berichterstattung der anschließenden Woche sowie den Ausblick auf die nächste Partie. Schalke befindet sich nun neun Partien vor Ende der Saison mitten im Aufstiegsrennen, wo jeder Punktgewinn- oder verlust entscheidend sein kann. Angesichts eines möglichen Aufstiegs in die erste Bundesliga sollte die Stimmung daher bei uns als Fans blendend sein.

Es ist aus meiner Sicht aber völlig normal, dass sich zur Freude über den gelungenen Turnaround in 2025/2026 im Saisonfinale nun ein weiterer Zustand gesellt: Nervosität. Womöglich sogar Angst. Die Angst, etwas zu verlieren. Den Aufstieg zu verspielen. Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie beim Gedanken an die kommenden Spiele sich nicht nur Lust auf das Gewinnen und den Erfolg einstellen, sondern sich ein Gefühl der Unsicherheit in mir ausbreitet. 

Im Gegensatz zur vergangenen Saison geht es jetzt wirklich um etwas, und nicht nur darum, den Abstiegsrängen fern zu bleiben. Abstiegskampf ist ein anderes Gefühl. Ich war angesichts unserer Qualität und der der Konkurrenz im Keller nie ernsthaft besorgt, dass Schalke tatsächlich absteigt, auch wenn das vielleicht naiv war. Jetzt als Tabellenführer und Aufstiegsaspirant besteht die Chance, dass man auch etwas verlieren kann. Verpasste Meisterschaften der Vergangenheit liefern schmerzhafte Erinnerungen daran. Jede Ballaktion, jede Verletzung, jeder VAR-Eingriff, ein Fehlpass, ein abgefälschter Schuss oder eine zu Recht oder Unrecht gegebene Ecke können den Unterschied machen, will man es auf Kleinigkeiten herunterbrechen. 

So zu denken ist menschlich und legitim. Auch die Spieler dürfen nervös sein, müssen als professionelle Vertreter ihres Sports jedoch ebenso Leistung bringen, wie wir es an unseren Arbeitsplätzen oder in unseren Familien tun (nur eben nicht vor einem Millionenpublikum am TV oder vor Zehntausenden im Stadion mit vollen Bierbechern). Es hilft dabei ungemein, sich immer auf die nächste Aufgabe zu konzentrieren, ohne ständig an das große Ganze zu denken. 

An diejenigen, die diese Zeilen lesen und sich wiedererkennen: ihr seid damit nicht allein. Schalke-Spiele zu schauen, bedeutet für mich immer auch zu einem großen Teil Stress. Mich beruhigt erst eine 3:0-Führung in der 87. Minute und selbst dann rechne ich mit DEM einen Gegentreffer zum Anschluss, der die größte Aufholjagd der Saison einläutet. Passiert so gut wie nie, ist aber immer präsent. Die Reihe an Siegen in der laufenden Saison mit nur einem Tor Vorsprung waren hart erkämpft, nicht nur von der Mannschaft. 

Warum schreibe ich all das und was kann man dagegen tun? Vielleicht hilft es, sich gelegentlich vor Augen zu führen, wo Schalke nach den letzten drei Jahren herkommt. Dass Sport zu einem gewissen Teil Zufall ist und man den Erfolg nicht so einfach planen kann, selbst wenn die Professionalisierung immer weiter voranschreitet. In einer chaotischen Welt, wo zu häufig nur Schwarz- und Weiß-Töne gesehen werden, ist es leider einfacher, Teams in „Gewinner“ und „Versager“ zu unterteilen, anstatt anzuerkennen, dass sich professionelle Individualisten in einem Mannschaftssport miteinander messen, als Kollektiv funktionieren müssen und dabei mehr als respektable Leistungen zeigen. Das hilft im Moment einer Niederlage nicht unmittelbar weiter, gibt dem Ganzen aber eine erdende Perspektive. 

Ist es schlussendlich nicht schöner, auf ein konkretes, positives Ziel (Aufstieg) hinzuarbeiten, als ein negatives (Abstieg) vermeiden zu müssen? Schalke hat alles selbst in der Hand. Wir müssen nur darauf vertrauen, dass Spieler und Trainer weiter so konzentriert an die Sache herangehen und einen Schritt nach dem anderen machen. Ich würde sagen, nach allem was wir gesehen haben, ist dieses Vertrauen mehr als verdient. 

Schalke wird immer ein gemeinschaftliches Erlebnis sein. Ob zuhause oder in der Kurve, zusammen lassen sich Siege schöner feiern und Niederlagen besser ertragen. Lasst uns daher den Rest der Saison mit der Gewissheit angehen, dass egal wie es am Ende ausgeht, immer jemand da sein wird, dem es genauso geht. Der für dich da ist, mit dir weint oder mit dir feiert. Oder sogar beides zusammen.

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