Als wir uns 2016 zum ersten Mal begegnet sind und ich dich nach deinem Namen gefragt habe, sagtest du: „Pepo, einfach nur Pepo.“ Damals hattest du mich zu einem deiner ersten Podcasts eingeladen. Zehn Jahre später ist dein Name über die Schalker Fanszene hinaus bekannt – als kritischer Begleiter des FC Schalke 04, als Verfechter des eingetragenen Vereins, als ehemaliger Ultra und natürlich als Podcaster. In deinem Schalke-Podcast „Blauer Salon“ kommen Vereinsvertreter, Fans und Sponsoren zu Wort. Deine Analysen sind geschätzt, oft schonungslos – und gehen meist über den blau-weißen Tellerrand hinaus.

Pepo, erinnerst du dich noch an dein allererstes Spiel auf Schalke?
Ich war in der Nordkurve bei meinem ersten Spiel. Am Ende habe ich auf die große Anzeigetafel geschaut, da war die Tabelle zu sehen – und Schalke war durch dieses Spiel endlich nicht mehr auf einem Abstiegsplatz. So ist das in meinem Kopf gespeichert. Ich weiß noch, dass der Gegner Borussia Mönchengladbach war. Das Ergebnis hatte ich allerdings falsch in Erinnerung – ich war halt noch sehr jung.
In welcher Saison war das?
Am 19. Februar 1994. Schalke hat 2:1 gewonnen.
Du bist in Bottrop aufgewachsen – wie bist du mit dem Verein in Kontakt gekommen? Durch deine Familie?
Nö, gar nicht. Null. In meinem Umfeld hatte niemand irgendwas mit Schalke oder Fußball am Hut. Ich wollte als Grundschulkind einfach im Verein kicken. Bei einem Sommerfest gab’s so ein Spiel, bei dem ich als Jüngster natürlich als Erster ausgeschieden bin. Zum Trost durfte ich mir aus einer Kiste einen Preis aussuchen – ich griff zur Schalke-Mütze.
Ein Typ namens Paolo hatte mir einen Schalke-Schal geschenkt: “Einmal Schalker, immer Schalker.“ Das war für mich ab da gesetzt.

Aber da muss ja schon vorher etwas in dir gearbeitet haben…
Ich könnte mir vorstellen, dass der Aufstieg 1991 irgendwie allgegenwärtig war – zumindest in meinen Ohren, in meinem Fußballvereinskontext. Mein erstes Stadionerlebnis war übrigens gar nicht auf Schalke, sondern im Gästeblock von Rot-Weiß Essen gegen Bochum. Das zweite dann beim MSV Duisburg gegen den VfB Leipzig. Aber da war ich schon Schalke-Fan. Ein Typ namens Paolo hatte mir einen Schalke-Schal geschenkt, auf dem stand: „Einmal Schalker, immer Schalker.“ Das war für mich gesetzt. Die Spiele in Essen und Duisburg waren nett – aber eben nicht Schalke.
Wie alt warst du da?
Noch in der Grundschule. Vielleicht acht oder neun?
Ab wann bist du dann regelmäßig auf Schalke gefahren?
In der UEFA-Cup-Saison bin ich regelmäßig ins Stadion gefahren – seit dem Viertelfinale gegen Valencia war ich bei allen Spielen im Parkstadion. Für Mailand war ich mit 14 Jahren leider noch zu jung.
„Plötzlich konnten wir all diese geilen Bilder aus Italien sehen – riesige Choreos, Pyros, Emotionen. Ich saß da vorm Computer und dachte: Boah, das will ich auch für Schalke haben.”
Und dann wolltest du dir auch ein Trikot kaufen und eine Kutte nähen?
Ein Trikot hatte ich schon vorher – dieses Ractiv-Trikot von 1992. Deswegen finde ich das aktuelle auch so geil, das fühlt sich einfach richtig an. Da hängen viele Erinnerungen und Emotionen dran. Eine Kutte wollte ich nie. Ich bin eher als „Typ Trikot“ sozialisiert worden.
Der Fußball, also die Kurve, war damals stark von englischen Fans inspiriert. Aber bei den Jüngeren war die italienische Fankultur das große Ding, oder?
Das Internet kam für die Ultra-Bewegung in Deutschland ziemlich günstig. Plötzlich konnten wir all diese geilen Bilder aus Italien sehen – riesige Choreos, Pyros, Emotionen. DSF (heute Sport1) hatte mit Laola südeuropäischen Fußball ins Fernsehen gebracht. Und auf einmal saß ich da vorm Computer und dachte: Boah, das will ich auch für Schalke haben. Offenbar ging es anderen genauso – zwischen 1999 und 2000 haben sich diese Menschen dann gefunden.
Wie das?
Nur ein paar Wochen, bevor ich diesen Wunsch in mir gespürt hatte, gründete sich das Commando 1904 – die erste Ultra-Gruppe in der Nordkurve. Kurz darauf hatte ich Kontakt zu denen, fuhr zu Spielen, lernte die Leute kennen. Ich habe ziemlich schnell Verantwortung übernommen. Ich war der, zu dem man kam, wenn man Mitglied bei uns werden wollte – und der, der wusste, wer Mitglied war. Quasi als Verwaltungsfachkraft in der Nordkurve.

Wie lange warst du Teil der Ultra-Bewegung?
So richtig Vollzeit bis 2005/2006.
Warum bist du heute nicht mehr dabei?
Rückblickend hat das viel mit persönlicher Weiterentwicklung zu tun. Vielleicht war’s auch meine erste Burnout-Erfahrung. Ich hatte unfassbar viel rein gesteckt. Faktisch war’s dann eine Frauengeschichte, die das Ganze beendet hat. Unglücklich – aber im Nachhinein wahrscheinlich genau richtig. Ich sollte wohl weiterziehen.
In der politischen Jugendorganisation ist die Durchsetzung der eigenen Meinung etwas regulierter als in der Kurve.
War das die Zeit, in der du dich politisch engagiert hast?
Ja. Nach der Ultra-Zeit hatte ich so ein Engagement-Loch. Fünf Jahre Vollgas – und dann plötzlich ganz viel freie Zeit. Ich wollte verstehen, wie Politik funktioniert – technisch, aber auch kulturell. Da war spannend, mit meinen Kurvenerfahrungen auf politisch engagierte Menschen zu treffen. Es gibt erstaunlich viele Parallelen. Nur ist die Durchsetzung der eigenen Meinung in der politischen Jugendorganisation etwas regulierter.
(lacht)
Und irgendwann kam dann das Interesse an der Schalker Vereinspolitik. Wie entstand das?
Da bist du ja irgendwie Mitschuld. (lacht wieder) Vor der Ultra-Zeit habe ich ja auch den ersten Internet-Fanclub von Schalke mitgegründet – ich habe wohl so
ein Pionier-Gen. 2015 kam dann der Podcast. Und sobald man, im weitesten Sinne, journalistisch über Schalke spricht, stößt man automatisch auf Vereinspolitik. 2013 habe ich dann die viaNOgo-Rede von dir gehört und gedacht: Den Typen, der sich so krass engagiert, will ich kennenlernen.
Auf der Mitgliederversammlung habe ich dann plötzlich gemerkt – wie viele andere auch –, dass man eigentlich ständig verarscht wird. Je länger man dabei ist, desto klarer wird das.
Viele Schalker haben sich damals erstmals mit Vereinspolitik beschäftigt – bei mir war’s genauso, vielleicht ein halbes Jahr früher.
Ich war interessiert, aber ohne Ahnung. Durch meine politische Zeit konnte ich immerhin Satzungen lesen und verstehen. Auf der Mitgliederversammlung habe ich dann plötzlich gemerkt – wie viele andere auch –, dass man eigentlich ständig verarscht wird. Je länger man dabei ist, desto klarer wird das. Und natürlich will man das nicht. Schalke 04 ist mir so wichtig, dass ich’s kaum ertragen konnte, wenn andere – Vorstände oder Aufsichtsräte – meinen Verein quasi leihen, Mist bauen und dann weiterziehen. Eine Zeitlang war das ja permanent so.
Und daraus entstand der Wunsch, als Fan selbst etwas zu verändern?
Ich tue mich mit dem Begriff „Fan“ schwer – bin aber neidisch auf alle, die einfach nur Fan sein können. Fan ist für mich eher Kunde, der entscheiden kann. Mitglied ist schon die nächste Stufe. Und wenn ICH Mitglied bin, dann richtig – nicht passiv oder auf Papier. Ich will mitentscheiden.

Die viaNOgo-Bewegung hat viele Schalker politisiert und zusammengebracht.
Ja, absolut. Deine Rede damals hat mich beeindruckt. Wir haben uns dann ja auch kennengelernt und zusammen einen Podcast übers und sogar im Parkstadion gemacht.
Das war eine der ersten Folgen, oder?
Relativ früh – vielleicht die zehnte. Heute stehen wir bei rund 150.
Ich tue mich mit dem Begriff „Fan“ schwer – bin aber neidisch auf alle, die einfach nur Fan sein können.
Deine Lieblingsfolgen?
Die vom Parkstadion ist eindeutig in meinen Top fünf.
Und die anderen vier?
Schwer zu sagen. Oft sind’s eher die Momente drumherum als die Episoden selbst. Manche Erlebnisse behalte ich lieber für mich – aber die Aufnahme mit Ulli Potowski war zum Beispiel besonders.
Die beiden kamen nicht, um Werbung für sich zu machen, sondern für das, was Schalke ausmacht: ein Mitgliederverein zu sein.
Und zuletzt?
Die Folge mit unseren Aufsichtsräten Axel Hefer und Johannes Struckmeier war außergewöhnlich. Eine echte Erklärbär-Episode. Was machen die eigentlich bei Schalke, was bedeutet Mitgliedschaft? Unser größtes Recht als Mitglieder ist ja, den Aufsichtsrat zu wählen. Der kontrolliert den Vorstand – also die, die die Scheiße bauen, die wir hinterher wieder zusammenfegen müssen. Die beiden kamen nicht, um Werbung für sich zu machen, sondern für das, was Schalke ausmacht: ein Mitgliederverein zu sein. Das ist aufwendiger, aber auch das, was Schalke besonders macht. Der Verein gehört uns allen – und wir haben ihn uns bis heute nicht nehmen lassen.
Der e.V. ist dir besonders wichtig?
Ja, das ist die Basis meines Handelns auf Schalke. Ich frage mich immer: Nützt das dem FC Schalke 04 e.V.? Das geht auch einher mit viel Verständnis für Zahlen und Vermarktung, aber am wichtigsten ist mir immer: zahlt das auf unsere Kultur und unser Zusammenleben ein? Mich interessiert alles außer Sport bei Schalke. (lacht)
Wenn dir der eigene Psychiater im Laufe der Behandlung auf einmal sein Schalke-Tattoo zeigt. Gibt es doch bei keinem anderen Verein sowas!
Kurz vor Weihnachten hast du in deinem Podcast mit einem Psychiater über die psychische Gesundheit gesprochen. Warum war dir das wichtig?
Wenn man im Podcast so offen über Depressionen spricht wie ich, bekommt man viele Rückmeldungen. Da schreiben Menschen, wie wichtig es war zu hören, dass sie nicht allein sind. Vor Weihnachten wollte ich das nochmal aufgreifen – damit alle gut durch die Feiertage kommen und wissen, wie sie Hilfe finden können und die Geschichte ist einfach so schön „Schalke Pur”, wenn dir der eigene Psychiater im Laufe der Behandlung auf einmal sein Schalke-Tattoo zeigt. Gibt es doch bei keinem anderen Verein sowas! Dann kann man auch einen Podcast zusammen aufzeichnen.
Ich fand bemerkenswert, dass du den Podcast auch während deiner Depressionsphase weitergemacht hast …
Das ist ja das Perfide an dieser Scheißkrankheit – man sieht’s den Leuten einfach nicht an. Ich konnte stundenweise völlig normal wirken. Aber ich schrieb sonntags fast jede Woche meine Mitstreiter Benny und Mystico an: „Ich kann heute nicht.“ Und sie haben immer gesagt: „Mach einfach, wird schon.“ Die Jungs haben mich da durchgetragen – ohne Druck. Freunde sind im Leben das Allerwichtigste.
Dem ist nichts hinzuzufügen. Lieben
Dank für das Interview, Pepo.

Das Interview führte Stefan Barta für das „Schalker Echo“ Ausgabe 27 im Januar 2026.
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